2022 habe ich den letzten AdSense-Code von meinem letzten Blog entfernt. Am meisten hat mich damals gestört, so schrieb ich, „selling my soul to Google AdSense for a few dollars“. Meine Seele für ein paar Dollar an Google AdSense zu verkaufen.
Ein paar Dollar…
Vier Jahre später braucht dafür niemand mehr AdSense. Videos werden zu Shops, „Best of“-Listen sind Affiliate-Listen, und viele Serien kommen mit Markendeals. Selbst der Chatbot, den ihr nach Ideen fürs Abendessen fragt, zeigt inzwischen vielleicht Werbung.
Doktor Faustus hat für seine Seele immerhin 24 Jahre Dienste vom Teufel bekommen. Heute liegt der Kurs bei ein paar Prozent einer Heißluftfritteuse.
Links
Affiliate-Links sind diesen Sommer 30 geworden. Zumindest die von Amazon. Amazon schreibt, es habe das Konzept der Partnerprogramme „in July 1996“ erfunden, im Juli 1996. Andere hatten es vorher schon versucht. Durchgesetzt hat es aber erst Amazon, mit mehr als 60.000 angemeldeten Websites bis 1998.
Damals war ein Link zu einem Buch ein kleiner Gefallen für eure Leser, mit einem kleinen Dankeschön dran.
Sucht heute mal nach „bestes Walking Pad“ oder „bestes VPN“ und zählt die Ergebnisse ohne Provisionslink.
Ich habe übrigens selbst so einen Link. Dazu später mehr.
Videos
Influencer-Marketing ist auch älter als das Internet. In den 1760er-Jahren kaufte Königin Charlotte Geschirr bei Josiah Wedgwood. Der überredete sie dann, es „Queen's Ware“ nennen zu dürfen, und druckte die Verbindung zum Königshaus auf alles, was er verschickte.
Eine Königin als Markenbotschafterin. Ziemlich clever.
Heute braucht ihr keine Königin. Ihr braucht ein Handy und ein Ringlicht. Über TikTok Shop wurden 2025 nach Schätzung von Momentum Works Waren für 64,3 Milliarden Dollar verkauft. Fast doppelt so viel wie im Jahr davor. TikTok veröffentlicht keine eigenen Zahlen, es bleibt also eine Schätzung. Selbst wenn sie weit danebenliegt, sind das ziemlich viele Heißluftfritteusen.
Und das hat uns alle beeindruckt, schätze ich. Mich jedenfalls. 2021 habe ich über eine TikTokerin aus Brooklyn geschrieben, die mit Amazon-Links unter ihren Videos eine Million gemacht hat.
Streaming
Radio und Fernsehen sind darauf gebaut.
Fun Fact: Soap Operas heißen so, weil Seifenhersteller viele von ihnen bezahlt haben. Ma Perkins lief von 1933 bis 1960 im Radio und wurde die meiste Zeit von Oxydol gesponsert, einem Waschmittel von Procter & Gamble.
Der erste offizielle Fernsehwerbespot der USA lief 1941, vor einem Baseballspiel der Brooklyn Dodgers. Bulova zahlte dafür 9 Dollar.
Neun Dollar.
Marken in einer Netflix-Serie sind also nichts Neues. Die dritte Staffel von Stranger Things hatte 75 Markenpartner, New Coke inklusive. Netflix sagte, keiner davon habe für seinen Platz im Bild bezahlt… Was wahrscheinlich stimmt. Die Deals waren Werbeaktionen rund um die Serie, und Coca-Cola brachte dafür New Coke in Dosen zurück.
Anderer Papierkram also.
Jetzt kommt die Werbung obendrauf. Das Netflix-Abo mit Werbung erreicht laut Netflix mehr als 250 Millionen Zuschauer im Monat. In den 12 Ländern, in denen es das gibt, hat es im ersten Quartal mehr als 60 Prozent der Neuanmeldungen geholt. Die Werbeeinnahmen sollen sich dieses Jahr auf 3 Milliarden Dollar verdoppeln.
Amazon ging noch einen Schritt weiter. Seit Februar 2024 zeigt Prime Video in Deutschland standardmäßig Werbung. Ohne kostet es 2,99 Euro im Monat. Zusätzlich zu Prime.
Ihr zahlt also für einen Dienst. Und dann zahlt ihr noch mal, damit er aufhört, euch etwas zu verkaufen.
KI
Im Oktober 2024 sagte Sam Altman in Harvard: „I will disclose, just as a personal bias, that I hate ads.“ Er hasse Werbung, ganz persönlich. Werbung und KI zusammen fand er „uniquely unsettling“, also einzigartig beunruhigend.
Im Januar kündigte OpenAI Werbung in ChatGPT an. Im Februar begannen die Tests. Ende August kamen 31 europäische Länder dazu. Im Oktober zeigte ChatGPT Werbung in 89 Ländern, im kostenlosen und im Go-Tarif. Mehr als 100.000 Werbekunden haben schon Kampagnen geschaltet. Im August lag das Werbegeschäft hochgerechnet bei einer Milliarde Dollar im Jahr.
Persönliche Abneigung, schätze ich.
Als Nächstes testet OpenAI Werbung, die läuft, während ChatGPT eure Bilder erzeugt. Vorerst in den USA. Meta hat angekündigt, Chats mit Meta AI ab Dezember 2025 für gezielte Werbung zu nutzen, ohne Opt-out. Die EU, Großbritannien und Südkorea sind vorerst ausgenommen. Und Google packt mehr Werbung in den KI-Modus, weil KI-Antworten weniger Geld bringen als die alten Suchergebnisse.
Ich bin schuldig, natürlich
Ich verkaufe Ratgeber auf Gumroad. Viele meiner Artikel haben Affiliate-Links. In meinem alten Newsletter standen Sponsorenzeilen ganz oben, und ich hatte bis vor Kurzem eine „Advertise With Me“-Seite. Und ja, der Link von vorhin ist für ein Walking Pad. Bei Amazon, natürlich.
Vieles davon ist inzwischen weg. AdSense 2022. Den Werbeplatz kann man nicht mehr kaufen. Ich habe einige alte Affiliate-Partner rausgeworfen, und ein paar alte Vorlagen sind auch aus dem Shop verschwunden.
Und vieles habe ich von vornherein abgelehnt.
Steckt hinter einem Link Geld, bekommt er ein Sternchen. Rettet das meine Seele? Wahrscheinlich nicht.
Fairerweise
Autoren, Videomacher und Newsletter-Leute müssen von etwas leben. Viele leben schlecht davon. Und Werbung hat einen großen Teil des kostenlosen Internets bezahlt, mit dem wir aufgewachsen sind.
Ein Produkt in einer Serie tut niemandem weh. Na ja… kommt aufs Produkt an… aber gut.
Ein Affiliate-Link auf ein Tool, das jemand jeden Tag nutzt, kann für beide Seiten ein fairer Deal sein. Die mag ich.
Aber die Menge hat sich verändert. Drastisch. Wenn alles verkauft, wird es schwer zu erkennen, welche Liste für euch gemacht wurde und welche für die Provision.
Und die Auswege kosten auch Geld. Prime Video ohne Werbung kostet extra. Netflix ohne Werbung kostet mehr. ChatGPT ohne Werbung heißt: bezahlter Tarif. Der Weg aus der Werbung ist also noch ein Produkt, für das ihr zahlt.
Unterm Strich
1994 fragte das erste Werbebanner im Web: „Have you ever clicked your mouse right here? You will.“ Schon mal hier hingeklickt? Werdet ihr. Etwa 44 Prozent der Leute, die es sahen, haben es getan. Genial.
AT&T hatte damals recht. Wir haben geklickt, und wir haben nie aufgehört.
Ich werde weiter ein paar Dinge verkaufen. Mit Sternchen. Aber Mann, ist es einfach geworden, unsere Seelen zu verkaufen, oder?
Zuerst auf Englisch erschienen: Medium