Jeder neunte Erwachsene in den USA nimmt gerade eine Abnehmspritze.

Jeder neunte. Nicht jeder neunte Promi. Ganz normale Leute.

Der Begriff war übrigens vor den Körpern zurück. Im November 2022 verkündete die New York Post, Heroin Chic sei wieder da und kurvige Körper seien vorbei. Jameela Jamil hielt dagegen: Körper sind keine Trends. Viele stimmten ihr zu, und damit schien die Sache erledigt.

Vier Jahre später haben die Medikamente die Schlagzeile nachträglich wahr gemacht.

Einer von neun

Gallup hat im Juni 5.065 US-Erwachsene befragt. 11 Prozent nehmen aktuell ein GLP-1-Medikament zum Abnehmen, vor zwei Jahren waren es 3 Prozent. 15 Prozent haben es irgendwann einmal probiert, und 91 Prozent wissen inzwischen, dass es diese Spritzen zum Abnehmen gibt.

Gleichmäßig verteilt ist das nicht. KFF zählt 15 Prozent bei Frauen gegenüber 9 Prozent bei Männern, und 22 Prozent bei den 50- bis 64-Jährigen.

Mehr als jeder Fünfte, in der Altersgruppe, die die Firmen, die Studios und die Schulen leitet.

Die Umfragen widersprechen sich im Detail, das gehört dazu. KFF kommt insgesamt auf 12 Prozent, eine RAND-Erhebung mit 8.793 Befragten fand 11,8 Prozent, die je eines genommen haben. Eine große Spanne für eine einfache Frage. Die Richtung ist in allen dieselbe.

Und bei uns

Deutschland ist noch nicht so weit, aus einem simplen Grund: Bei uns zahlt das niemand. Abnehmspritzen zur reinen Gewichtsreduktion gelten per Gesetz (§ 34 SGB V) als Lifestyle-Arzneimittel und sind von der Kassenleistung ausgeschlossen. Für Wegovy oder Mounjaro zum Abnehmen zahlt ihr selbst, je nach Präparat und Dosis grob 170 bis 480 Euro im Monat.

Das bremst. Aber die Infrastruktur steht auch hier: Telemedizin-Anbieter, Online-Fragebogen, Rezept am selben Tag. Der Rest ist eine Preisfrage.

Die Laufstege

Vogue Business hat 9.038 Looks der Frühjahr/Sommer-Schauen 2026 in New York, London, Mailand und Paris ausgewertet. Rund 97 Prozent gingen an Models der kleinsten Konfektionsgrößen. Normale Größen: 2 Prozent. Plus-Size: 0,9.

Der Menswear-Report ist schlimmer. Etwa 2.500 Looks in Mailand und Paris, 0,2 Prozent Plus-Size. Mailand: null.

Body Positivity kam auf den Laufstegen nie über ein Prozent hinaus. Nicht einmal am Höhepunkt.

Fairerweise

Ein Fakt macht die einfache Version dieses Artikels unmöglich.

Die Adipositas-Quote unter US-Erwachsenen hatte 2022 mit 39,9 Prozent ihren Höchststand. Gallup misst jetzt 36,4, und auch die Zahl neuer Diabetes-Diagnosen steigt nicht mehr. (Gallup rechnet mit selbst angegebener Größe und Gewicht, die genaue Zahl ist also weich. Die Richtung hält seit ein paar Jahren.)

Für alle, die das Ganze für reine Eitelkeit halten: Dann müsst ihr diese 3,5 Punkte erklären. Ich kann es nicht. Die Medikamente wirken, sie wirken bei Menschen, denen man jahrzehntelang erzählt hat, es sei eine Frage der Willenskraft, und das zeigt sich zum ersten Mal in nationalen Gesundheitsdaten.

Das ist eine große Sache. Jede Version dieser Geschichte, die das weglässt, ist unfair.

Aber es kippt auch

Der Anteil der GLP-1-Rezepte für Patienten ohne Diabetes und ohne Adipositas stieg von 4,5 Prozent 2018 auf 17 Prozent 2023. Die Zahl stammt aus einem Beitrag im New England Journal of Medicine über GLP-1 und Essstörungen, und sie zählt nur klassische Apotheken. Telemedizin-Anbieter, die mit selbst angegebenem Gewicht arbeiten, sind da nicht drin.

In diesem einen Neuntel steckt also eine wachsende Gruppe, für die das Medikament nie gedacht war.

Im Juni erschien in JAMA Psychiatry eine Befragung von 436 Menschen mit Essstörungen. Rund 32 Prozent hatten mindestens einmal eine Abnehmspritze genommen. Mehr als 10 Prozent berichteten von Missbrauch: höhere Dosen, länger als verordnet, manipulierte Spritzen, Weitergabe an Leute ohne eigenes Rezept.

Etwa 35 Prozent der Teilnehmer in Remission hatten eine genommen.

Die Einschränkungen: 94 Prozent Frauen, 88 Prozent weiß, alles Selbstauskünfte. Die Autoren halten die echten Zahlen für höher.

Die Psychiaterin Sarah Oreck hat den Punkt gemacht, der bei mir hängen geblieben ist: Schneller Gewichtsverlust macht eine zurückkehrende Essstörung schwerer erkennbar, weil das Umfeld einem dazu gratuliert.

Denkt da mal kurz drüber nach.

Die andere Spritze

Bis hierhin klingt das nach einer Geschichte über Frauen. So werden diese Geschichten meistens erzählt.

Aber die Männer waren auch beschäftigt.

Im Dezember sprach sich ein Expertengremium der FDA für einen breiteren Zugang zu Testosteron aus. Mitglieder nannten die Ersatztherapie einen Grundpfeiler der Prävention und, in der Formulierung, die Nature zitiert, „eine Multimilliarden-Dollar-Chance in der Vorsorge".

Eine Vorsorge-Chance. Für ein Hormon. Wow.

NPR berichtete diesen Monat, dass Social Media voll mit Testosteron-Content ist, von Low-T-Ängsten bis zu T-Maxxing-Tutorials. Joe Rogan spricht offen über seine eigene Anwendung, Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. ebenfalls. Die Regierung will den Zugang erweitern, noch beschränkt die FDA die Zulassung auf Männer mit medizinisch begründbarem Mangel.

Der Vertriebsweg kommt einem nur allzu bekannt vor. Dieses Jahr steigen Hims und Rugiet, ein Telemedizin-Anbieter für Erektionsstörungen, ins Geschäft mit injizierbarem Testosteron ein. Hims spricht von zwanzig Millionen Männern, die Stigma und Kosten bisher abhalten. In Großbritannien stiegen die Testosteron-Verordnungen zwischen 2021 und 2024 um 135 Prozent, und ein NHS-Endokrinologe sagte dem Guardian, die Branche habe sich „eine Pseudo-Krankheit ausgedacht".

2022 haben Forscher bei sieben Online-Testosteron-Kliniken Testkäufer vorbeigeschickt. Der Testkäufer gab normale Werte an und sagte, er wolle irgendwann Kinder. Sechs der sieben boten ihm trotzdem Testosteron an. Die Leitlinien verlangen Symptome plus zwei getrennte Bluttests. Und für jüngere Männer hat das einen echten Preis, denn Testosteron unterdrückt die Spermienproduktion. Manchmal dauerhaft.

Ein Formular, das ihr selbst ausfüllt, ein Abo, ein Promi vorneweg. Kommt euch das bekannt vor?

Der Graumarkt

Bis hierhin war das der „legale" Teil. Das ganze Bild ist es nicht. Nicht mal annähernd.

Weltweit haben geschätzt 6,4 Prozent der Männer irgendwann anabole Steroide genommen, gegenüber 1,6 Prozent der Frauen. Alles Selbstauskünfte, die echte Zahl kennt niemand. Rund ein Drittel der Nutzer entwickelt eine Abhängigkeit.

Die meisten davon sind keine Sportler. Es sind junge Männer, die schlank und muskulös aussehen wollen, und ein Teil erfüllt die Kriterien einer Muskeldysmorphie: Ihr seht euch kleiner, als ihr seid, während der Feed euch zeigt, wie ein Männerkörper angeblich auszusehen hat. Forscher schätzen, dass jeder dritte Mensch mit einer Essstörung männlich ist.

Darunter liegt die Ebene, an die Teenager tatsächlich rankommen. SARMs, Peptide, Wachstumshormone von unregulierten Seiten, bei denen unabhängige Tests regelmäßig falsch deklarierte Ware finden. Influencer und Podcaster haben diesen Markt längst entdeckt.

Über Hollywoods natürlich unerreichbaren Männerkörper habe ich schon 2022 geschrieben (auf Englisch). Es sieht aus wie ein Schauspieler-Problem. Praktisch jede große Männerrolle ist inzwischen gedopt, und das seit Jahren. 300, die Marvel-Filme, selbst Komödien.

Gleiche Maschine, anderer Motor

Frauen sollen schrumpfen. Männer sollen wachsen.

Beides im Abo, beides verschrieben auf Basis eines Formulars, das der Patient selbst ausfüllt, beides mit einem berühmten Gesicht vorneweg, und beides heißt Gesundheit, nicht Aussehen.

Serena Williams machte vor einem Jahr öffentlich, dass sie ein GLP-1 nimmt, als Teil einer Kampagne mit dem Telemedizin-Anbieter Ro. Gleich mit offengelegt: Ihr Mann ist Ro-Investor und sitzt im Board. Im Februar lief ihr Super-Bowl-Spot. Charles Barkley hatte Monate vor ihr bei Ro unterschrieben.

Barkley ist hier interessant. Er ist ein Mann, und er steht auf der Abnehm-Seite. Neun Prozent der amerikanischen Männer nehmen gerade ein GLP-1, und ein Teil davon nimmt zusätzlich Testosteron. Mitte schrumpfen, Schultern aufbauen, beides zahlen.

Es ist ein Geschäft. Es verkauft den Körper, den man euch beigebracht hat zu wollen.

Denkt das mal zu Ende: Da nehmen Leute gleichzeitig GLP-1, um dünn zu werden, und Testosteron oder Steroide, um massig zu werden. Und keiner von ihnen tritt beim Mr. Olympia an.

Sie treten nirgendwo an. Außer um Aufmerksamkeit.

Die eigenen Leute

Plus-Size-Creatorinnen, die diese Medikamente nahmen, wurden vom eigenen Publikum zerlegt.

Ella Halikas, ein Plus-Size-Model, deren Ärztin Ozempic gegen ihr PCOS vorschlug, hatte mehr Angst davor, ihre Follower zu enttäuschen, als vor dem Medikament. Rosey Blair wurde als ableistisch und fettfeindlich beschimpft, weil sie öffentlich feierte, dass sie sich mit Mounjaro wieder besser bewegen kann. Gabriella Lascano erzählte der New York Times, sie sei von der Vorkämpferin der Community zur Ausgestoßenen geworden.

Ich glaube nicht, dass der Heuchelei-Vorwurf trägt.

Body Positivity hat gesagt: Euer Körper ist eure Sache. Wenn das der Anspruch war, dann ist das Medikament auch eure Sache. Ein Publikum, das von diesen Frauen verlangt, dick zu bleiben, verteidigt sie nicht. Es hält sich Maskottchen.

Die Männer hatten keine Bewegung, die sie verraten konnten, und das ist womöglich noch schlimmer. Niemand hat je öffentlich argumentiert, dass ein gewöhnlicher Männerkörper in Ordnung ist. Es gab also nichts zurückzunehmen, niemanden, dem man Heuchelei vorwerfen konnte, keine Worte für den Schaden. Es lief einfach, zwanzig, dreißig Jahre lang.

Für alle, die wütend sein wollen: Die Industrie hat Frauen Selbstakzeptanz verkauft, solange Akzeptanz das Produkt war, und verkauft jetzt die Spritze, weil die Spritze es ist. Dieselbe Industrie hat Männern erst Supplements verkauft, dann Testosteron. Sie wird verkaufen, was als Nächstes „zugelassen" wird.

Das Ratespiel

Kylie Jenner, Khloé Kardashian und Ice Spice mussten alle öffentlich dementieren, die Medikamente zu nehmen. Kolumnen gehen den roten Teppich ab und nennen Namen. Auf der Männerseite läuft dasselbe Spiel als „Natty or not", gezielt auf jeden Schauspieler, der für einen Superhelden-Vertrag zwanzig Kilo Muskeln zulegt. Natürlich sind die meisten nicht natty. Verkauft wird es uns trotzdem so.

Bei einem von neun richtet sich das Raten aber längst auf die Kollegin, den Bruder, die Frau am Schultor. Und den Körper eines Fremden nach Hinweisen auf ein Medikament abzusuchen ist immer noch: den Körper eines Fremden absuchen. Wir nennen es nur inzwischen Kommentar.

Kate Winslet nannte das Ganze im Dezember „beängstigend". Ihre Sorge galt weniger den Schauspielerinnen als allen anderen, vermute ich. Den Leuten, die dafür sparen. Die das Geld nicht haben.

Zum Namen

Die Überschrift ist eigentlich falsch, und ich habe sie trotzdem benutzt. Weil sie Klicks holt, und darauf kommt es hier an. Also reden wir kurz darüber.

„Heroin Chic" wurde in den 90ern zum Etikett, und es verfestigte sich, nachdem der Fotograf Davide Sorrenti mit 20 an einer Überdosis starb. Seine Mutter hat danach jahrelang dafür geworben, sichtbar kranke Models nicht mehr zu buchen. Wer 2026 einen roten Teppich mit dem Begriff beschreibt, macht aus einem Tod eine Stilkategorie.

Und „dünn ist wieder da" unterstellt, dünn wäre je weg gewesen. War es nicht. Selbst am Höhepunkt der Size-Inclusivity-Welle (aka Body Positivity) gingen rund 95 Prozent der Laufsteg-Looks an schmale Größen.

Im Juni 2025 hat TikTok auf Druck der französischen Regierung den Hashtag #SkinnyTok gesperrt. Die Eingabe leitet jetzt auf Hilfsangebote um, derselbe Content läuft unter absichtlich falsch geschriebenen Tags weiter. Looksmaxxing hat bislang keine einzige Plattform-Regel auch nur berührt. Dabei sterben Menschen an dieser Sache.

Vielleicht war die Ästhetik also nie weg. Es stand nur sechs Jahre lang eine Werbekampagne davor.

Ein Formular genügt

In den 90ern brauchte es die ganze Modemaschine, um einen Körpertyp zum Trend zu machen. Magazine, Agenturen, Fotografen, einen Laufsteg.

2026 genügen ein Formular und ein Abo. Bei uns fehlt bislang nur die Kasse, die es bezahlt.

Einer von neun, Tendenz steigend. Ab welchem Punkt ist das kein Trend mehr, sondern einfach, wie wir aussehen?

Für alle, die mit Essen, Sport oder dem eigenen Körper kämpfen: Das Beratungstelefon zu Essstörungen des BIÖG (früher BZgA) ist unter 0221 892031 erreichbar. Die Beratung ist kostenlos.

Zuerst auf Englisch erschienen: Medium