Im Oktober ist auf YouTube ein neues Betriebssystem aufgetaucht. Nava OS. Erscheint 2027.
Und es sieht wunderschön aus.
Weiche Glasflächen. Pastell-Hintergründe, die wie geschichtete Segel aussehen. Eine schmale Leiste oben, ein Dock und ein Control Center, das von oben herunterfährt. Heller Modus, dunkler Modus oder einer, der sich nach der Sonne richtet.
Der Trailer hat in seiner ersten Woche mehr als eine halbe Million Aufrufe geholt. Auf einem Kanal, der am selben Tag wie der Trailer gestartet ist.
Aber… im Moment ist Nava OS vor allem ein Video. Ein sehr hübsches.
Von Grund auf neu
Viele Linux-Distributionen nehmen Ubuntu, Fedora oder Arch und bauen ihre eigene Optik obendrauf. Zorin OS macht das zum Beispiel mit Ubuntu.
Nava OS sagt, es habe mit einem leeren Blatt angefangen. Der Plan: fast jede Schicht selbst bauen. Einen schlanken, eigens konfigurierten Kernel, ein eigenes Init-System (das startet alle Hintergrunddienste), einen eigenen Paketmanager namens navapkg und einen eigenen Wayland-Compositor. Das ist der Teil, der eure Fenster auf den Bildschirm zeichnet. Laut dem neuesten Video ist er von Grund auf in Rust geschrieben.
Obendrauf sitzt ein Desktop, der laut Trailer-Beschreibung rund um Ruhe, Glas und die Tastatur gestaltet ist.
Ist es also Linux? Sehr wahrscheinlich. Jedes Video trägt das Hashtag #linux, und ein „custom-configured kernel“ klingt stark nach einem abgespeckten Linux-Kernel. Aber klar ausgesprochen wird es nie. Und im Trailer gibt der Befehl, der den Namen des Kernels anzeigt, „Nava 1.0“ aus.
Also Linux-basiert. Mit einem kleinen Fragezeichen.
Liquid Glass
Der Look heißt Liquid Glass. Ja, genau so nennt Apple sein Design seit iOS 26.
Im Control Center gibt es Focus und Night Shift. Auch das sind Apple-Namen.
Zieht ihr von der oberen Leiste nach unten, bekommt ihr WLAN, Bluetooth, Ton, Helligkeit, Focus, Night Shift und Akku. Mit Super + Leertaste (Super ist auf den meisten Tastaturen die Windows-Taste) öffnet sich eine Command Bar. Dort tippt ihr, um Apps zu starten, Fenster zu wechseln oder Software zu installieren. Wie Spotlight auf dem Mac.
Fenster suchen sich ihren Platz selbst: geteilt, in Spalten oder im Vollbild. Das nennt sich Tiling. Und es gibt Arbeitsbereiche, damit ihr eure Fenster auf mehrere Desktops verteilen könnt.
Das Video zur Personalisierung zeigt ein einziges Fenster für Theme, Akzentfarbe, Hintergrundbild, Glas und Dock. Das Theme ist hell, dunkel oder automatisch, dann wechselt es bei Sonnenuntergang und Sonnenaufgang. Die Hintergrundbilder passen sich dem Theme an, und das Glas passt sich dem Hintergrundbild an. Mit Schiebereglern stellt ihr ein, wie klar oder milchig das Glas ist. Dock und obere Leiste können ganz verschwinden, wenn ihr nur mit der Tastatur arbeiten wollt.
Jede Änderung greift sofort. Ohne Neustart.
Dahinter steckt ein Design-System, in dem Farben, Abstände, Schrift und Bewegung als Code festgelegt sind. Sogar der Kontrast wird gegen WCAG getestet, die Richtlinien für barrierefreie, gut lesbare Inhalte.
Lesbarkeit war einer der großen Kritikpunkte an Apples Liquid Glass. Apple hat mit iOS 26.1 eine getönte Variante mit mehr Kontrast nachgereicht.
Developer Preview
Könnt ihr es also installieren? Noch nicht.
Jedes Video nennt die Oberfläche eine Design-Vorschau. Das Personalisierungs-Video sagt es klar: Das hier ist Konzeptdesign für Nava OS 2027.
Am 16. Oktober hat ein neues Video eine Developer Preview für Dezember 2026 angekündigt. Ein erster Build, für Entwickler. Laut Beschreibung könnt ihr damit:
- das ganze System mit einem Skript aus dem Quellcode bauen
- es in 1,55 Sekunden bis zu einer Shell booten, in einer virtuellen Maschine oder vom USB-Stick auf echter Hardware
- Dienste für das neue Init-System schreiben und Apps mit navapkg paketieren
- Wayland-Apps starten, die automatisch gekachelt werden
Dazu nennen sie 298 Tests und 55 dokumentierte Architekturentscheidungen.
Was fehlt: WLAN, Ton und Grafikbeschleunigung. Kabelnetzwerk, Tastatur, Maus und der Desktop funktionieren.
Und die schönen Teile? Control Center, Zwischenablage-Verlauf, eine „Rewind“-Funktion und das lebendige Hintergrundbild stehen als Designkonzepte in der Liste. Nicht in der Developer Preview.
Ein guter Teil von dem, was ihr im Trailer seht, ist im ersten Build also nicht drin.
Nachteile
Niemand weiß, wer Nava OS baut. Zumindest habe ich keinen Namen gefunden. Keine Website, bisher kein Code-Repository, und der Kontakt für Partnerschaften ist eine Gmail-Adresse. Der YouTube-Kanal ist am 9. Oktober 2026 mit dem Trailer gestartet.
Das heißt nicht, dass es ein Fake ist. Aber vorerst gibt es außer den Videos nichts zu prüfen. Der Build im Dezember sollte das ändern. Wenn er kommt.
Dann die Apps. Jede Schicht selbst zu bauen heißt wahrscheinlich auch, ohne die große Software-Bibliothek von Ubuntu oder Fedora zu starten. Auf dem alten iMac, auf dem bei mir jetzt Ubuntu läuft, funktionieren Git, die GitHub CLI und Claude Code einfach. Auf Nava OS sollten Wayland-Apps laufen. Zu den Apps über navapkg sagen sie nichts. Auch nicht, ob Flatpak (das App-Format, das viele Distributionen teilen) oder Steam laufen werden. Soweit ich sehe.
Und es ist ein großes Projekt. System76, eine Firma, die Linux-Rechner verkauft, hat einen eigenen Desktop namens COSMIC gebaut. Auch in Rust, auch mit Tiling. Bis die erste stabile Version im Dezember 2025 erschien, hat es etwa drei Jahre gedauert. Nava OS will den Desktop bauen und dazu den Großteil der Schichten darunter.
Schließlich ist das hier höchstwahrscheinlich eine Distro, die zu großen Teilen von KI gebaut und gesteuert wird.
Bis dahin
Wenn ihr heute schon ein hübsches Linux wollt, gibt es Optionen.
Seit Langem gilt elementary OS als das „Apple“ unter den Linux-Distributionen. Dock, Leiste oben, ein klarer Look.
Zorin OS hat ein Layout wie macOS, mit Dock und Menüleiste oben. Das haben wir auf dem alten MacBook meines Vaters genommen.
Und von allem, was ihr heute installieren könnt, kommt COSMIC auf Pop!_OS 24.04 Navas Idee eines Tiling-Desktops in Rust am nächsten.
Unterm Strich
Nava OS sieht wunderschön aus. Im Video zumindest.
Der erste Build soll im Dezember kommen. Dann sehen wir, ob mehr dahintersteckt als ein Video.
Zuerst auf Englisch erschienen: Medium