Jeder Text, den ihr ab heute lest, kommt von einer KI. Ein Mensch hat das Thema gesetzt und den Winkel bestimmt. Die Maschine hat die Wörter geschrieben. Sonst ändert sich nichts.

Was wäre anders?

Die Frage ist kaum noch hypothetisch. Graphite hat 43.000 englischsprachige Artikel aus dem CommonCrawl-Archiv durch einen Detektor geschickt und festgestellt, dass KI-Texte die menschlichen im November 2024 überholt haben. Seitdem liegt es ungefähr bei fifty-fifty.

Die Hälfte des Experiments läuft also schon. Denken wir die andere Hälfte zu Ende.

Der Boden steigt

Erster Effekt: Fast alle Texte wären sauber. Keine Tippfehler, kein Absatz, der ins Leere läuft, keine Textwand ohne Luft. Die Struktur säße.

Das könnte für die Leute viel bedeuten, die eine gute Idee haben und keine Ahnung, wie man sie aufschreibt. Eine Kfz-Meisterin, die genau weiß, warum euer Auto dieses Geräusch macht. Ein Steuerberater, der eine bestimmte Regel besser versteht als alle anderen. Eine Pflegekraft nach zwanzig Jahren Nachtdienst. Sie alle bekämen ihr Wissen mühelos aufs Papier.

Die Ränder verschwinden zuerst

Ilia Shumailov und Kollegen haben 2024 in Nature untersucht, was passiert, wenn Modelle mit ihrem eigenen Output trainiert werden. Model Collapse nennen sie das, und der Mechanismus ist, dass die Ränder der ursprünglichen Inhaltsverteilung verschwinden. Die Mitte überlebt. Das Schräge nicht.

Das ist ein Befund über Trainingsdaten, nicht über Prosa. Aber die Form ist dieselbe, wenn alle Texte aus derselben Handvoll Modelle kommen. Wie voll das Netz mit Maschinen-Inhalten inzwischen ist, habe ich bei der Dead-Internet-Theorie zusammengetragen.

Der Durchschnitt steigt. Die Bandbreite sinkt.

In einem einzelnen Artikel würdet ihr davon nichts merken. Nach einem Monat Lesen schon. Alles kompetent, nichts merkwürdig. Keine Autorin mehr, die auf interessante Weise aus der Reihe tanzt. Kein Satz, den so nur ein einziger Mensch auf der Welt gebaut hätte.

Neues kommt nur aus dem Prompt

Ein Text ist so etwas wie ein Rohr. Am einen Ende geht etwas hinein, das ein Mensch wusste, am anderen kommt es heraus, wo andere damit arbeiten können. Das ist die Idee. Die Prosa ist das Rohr.

Wenn alle Texte aus denselben paar Modellen kommen, fügen die Modelle nichts hinzu. Sie kombinieren neu, was ohnehin drinsteckt. Das einzige neue Material, das ins System gelangt, kommt aus dem Prompt.

Also von einem Menschen.

Dann ist das Schreiben nicht mehr die Arbeit. Etwas zu sagen zu haben, ist die Arbeit.

Und das ist deutlich schwerer. Ideen sind die Währung, und die lassen sich schlecht am Fließband herstellen. Ihr könnt die KI nach Ideen fragen, bekommt aber denselben Pool wie alle anderen.

Ein eigener Ideenpool entsteht dadurch, dass man etwas gemacht hat, irgendwo war, etwas falsch eingeschätzt und es gemerkt hat. Eine kleine Version davon habe ich erlebt, als ich anfing, meinen Veröffentlichungs-Workflow zu automatisieren. Das Drumherum wurde schneller. Das Denken nicht.

Auch das Lesen ändert sich

Wir behandeln das als Schreibproblem. Es ist genauso ein Leseproblem.

Wüsste ich, dass alles maschinell geschrieben ist, würde ich aufhören zu fragen, ob ein Text gut geschrieben ist. Die Frage wäre erledigt. Alles ist grammatisch und strukturell sauber. Das kann KI wirklich gut. Aber ist es deshalb gut?

Ich würde stattdessen fragen, ob überhaupt jemand dabei war.

Namen, Preise, Daten, Orte, ein Foto aus dem Fenster, eine Zahl, die jemand selbst gemessen hat. Belege. Der Wert wandert vom Satz zu dem, woran sich der Satz überprüfen lässt.

Die Maschinen machen das übrigens längst. Graphite hat im Oktober 2025 31.493 Suchbegriffe ausgewertet und festgestellt, dass 86 % der bei Google rankenden Artikel von Menschen stammen. Bei den Artikeln, die ChatGPT und Perplexity zitieren, sind es 82 %.

Die Hälfte von allem Veröffentlichten ist KI, und die Systeme, die auf KI gebaut sind, zeigen trotzdem überwiegend auf Menschen.

Substack hat vergangene Woche mit dem Scannen angefangen. Leser können jetzt bei jedem Beitrag eine Prüfung starten und bekommen eine Schätzung, wie viel davon von Hand geschrieben wurde. Medium wiederum lässt vollständig KI-geschriebene Texte seit Mai 2024 nicht hinter die Bezahlschranke.

Ich muss das gar nicht wissen. Erkennungswerkzeuge lassen sich außerdem leicht täuschen oder liegen schlicht daneben. Am Ende zählt: Wenn die Geschichte gut zu lesen ist, ist sie gut zu lesen. Egal, wer sie geschrieben hat.

Ab August zählt die redaktionelle Verantwortung

In Europa ist das seit Kurzem keine reine Geschmacksfrage mehr. Am 2. August 2026 wird Artikel 50 der KI-Verordnung anwendbar. Wer KI-generierte Texte veröffentlicht, um die Öffentlichkeit über Angelegenheiten von öffentlichem Interesse zu informieren, muss offenlegen, dass der Text künstlich erzeugt wurde.

Der entscheidende Halbsatz steht allerdings in derselben Vorschrift. Die Offenlegungspflicht entfällt, wenn der Inhalt eine menschliche Überprüfung oder redaktionelle Kontrolle durchlaufen hat und eine natürliche oder juristische Person die redaktionelle Verantwortung dafür trägt.

Das Gesetz interessiert sich also nicht dafür, wer getippt hat. Es interessiert sich dafür, wer geradesteht.

Das finde ich bemerkenswert vernünftig für eine Verordnung, die 144 Artikel umfasst. Es deckt sich mit dem, worauf dieser Text ohnehin hinausläuft: Die Maschine liefert die Form, ein Mensch verantwortet den Inhalt. Wer das eine ohne das andere macht, hat kein Kennzeichnungsproblem, sondern ein Qualitätsproblem. Woran man solche Texte erkennt, habe ich an anderer Stelle aufgeschrieben.

Mir würde etwas fehlen

Ich habe zehn Jahre als Computerlinguist gearbeitet, bevor ich das hier gemacht habe, und blogge seit 2007. Ich habe also Maschinen trainiert und selbst geschrieben.

Die Texte von mir, auf die Leute antworten, sind fast nie die besonders geschliffenen. Es sind eher die, in denen ich falsch lag oder nicht zu Ende gedacht hatte, oder in denen ich etwas leicht Peinliches zugegeben habe.

Eine KI, die in meiner Stimme schreibt, bekommt das meistens nicht hin. Rhythmus, Marotten, kurze Absätze, das kann sie imitieren. Sie kann es nur nicht so liefern wie ich oder ihr, weil sie den Nachmittag nicht hatte, der dazu geführt hat.

Fairerweise

Ich nutze KI täglich. Vor allem, um die langweiligen Arbeiten rund ums Schreiben und meinen Job zu automatisieren. Zunehmend aber auch für Recherche, erste Entwürfe und Korrekturen.

Heilig war das Schreiben in dem Sinne nie. Wir haben Rechtschreibprüfungen akzeptiert, Lektorinnen, Ghostwriter, die den Namen eines Vorstands unter fremde Sätze setzen, Werkzeuge, die korrigieren und „verbessern".

Es spricht einiges dafür, dass ein Text ein Transportmittel ist und ich die Verpackung romantisiere, weil ich sie mag. Menschen, die etwas zu sagen haben und nicht schreiben können, waren vom Veröffentlichen lange ausgeschlossen. Eine Maschine, die dabei hilft, ist ein bisschen eingedampfte Bandbreite wert.

Der Rest

Das Gedankenexperiment endet woanders, als ich erwartet hatte. Ich dachte, ich lande bei „das Schreiben wird schlechter". Wird es nicht zwangsläufig, je nachdem, woran wir das messen. Was heute „KI-Schrott" heißt, weil ein paar Formulierungen überstrapaziert sind, wäre vor ein paar Jahren völlig normal gewesen. Niemandem wäre es aufgefallen.

Heute schon.

Wenn ab heute alles von einer KI käme, würde das Schreiben mit jedem Tag kompetenter. Und vielleicht auch uninteressanter.

Im Moment ist die Fähigkeit, einen sauberen Absatz zu schreiben, noch etwas wert. In einer reinen KI-Welt wäre sie nichts mehr wert, weil sie alle hätten.

Übrig bleibt, was ihr in den Prompt steckt. Also das, was ihr gesehen, getan, verbockt und wahrgenommen habt.

Die Frage ist damit nicht, ob eine KI schreiben kann wie ihr. Sondern was ihr zu sagen hättet.

Zuerst auf Englisch erschienen: Medium