Im April habe ich auf Englisch geschrieben, das faltbare iPhone sei Apples Eingeständnis, dass ihnen die Ideen ausgehen. Samsung hat das erste Galaxy Fold 2019 ausgeliefert. Jetzt kommt Apple, sieben Jahre später.
Am 9. September hat Apple seins gezeigt. Das iPhone Duo. Langweilig, oder?
Nicht wirklich. Mit ein paar Dingen habe ich nicht gerechnet. Und darauf freue ich mich jetzt richtig.
Beim Schauen der Keynote sind mir immer wieder die Kleinigkeiten aufgefallen. Details, die in keinem Datenblatt-Vergleich mit Android auftauchen. Die aber enorm zählen, sobald ihr das Gerät benutzt.
Das ist Apple. Funktionen und Specs sind nicht der Punkt. Das Gefühl ist es.
Vor dem Gefühl erst mal der Preis
Der hat mich tatsächlich überrascht.
Die Gerüchte im April lagen bei 2.300 bis 2.500 Dollar. Manche sprachen sogar von 2.999. Ausgeschlossen hätte ich das nicht. Es ist eben Apple.
In den USA kostet das Duo jetzt 1.999 Dollar mit 256 GB, bis 3.199 Dollar mit 2 TB. In Deutschland geht es bei 2.299 Euro los. Das ist nicht so schlimm. Bei dem RAMaggedon, das gerade läuft, ist es sogar okay. Und im Vergleich zum Samsung-Konkurrenten auch nicht übertrieben.
Wieder… eher überraschend. Im guten Sinn.
Vorbestellen könnt ihr ab dem 16. Oktober, im Laden steht es ab dem 23. Oktober, in Deutschland und mehr als 70 Ländern insgesamt. Schön.
Am selben 9. September hat Apple iPhone 16, 17, Air und 17e in den USA um 100 Dollar teurer gemacht. Speicherpreise. Das Foldable liegt trotzdem unter den Gerüchten.
Viel Geld bleibt es. Dazu weiter unten mehr. Dieses Jahr wird eben alles teurer.
Aufklappen… und zuklappen
Ein Foldable klappt ihr ständig auf. Na klar...
Dutzende Male am Tag, wahrscheinlich. Dafür ist die Faltung ja da.
Apple hat daraus eine kleine Show gemacht. Und es wundert mich wirklich, dass niemand sonst (Google, Samsung oder Oppo) darauf gekommen ist.
Es geht um das Gefühl der Bewegung und um die Animationen.
Klappt ihr das Duo auf, wandert die Oberfläche vom äußeren auf das innere Display, die Bedienelemente bleiben, wo sie waren, und der Inhalt wächst um sie herum. Apple sagt, der Inhalt reagiere auf das Falten. Dreht ihr das Telefon um, wechselt es aufs andere Display. Legt ihr es quer, richtet es sich neu aus.
Es ist nur eine Animation. Aber eine ziemlich gute Reihe von Animationen. Flüssig und logisch.
Sogar 9to5Google, eine Seite, die vor allem über Android schreibt, findet, dass man in den Demos sofort sieht, wie viel Sorgfalt in den Übergängen steckt. Die Details!
Ist das Telefon halb zugeklappt, rutscht der Inhalt von der Falz weg, weil Tipps dort schlechter erkannt werden. Das merken die meisten nie. Weil es einfach funktioniert.
Dock
Seit 2007 sitzt das Dock beim iPhone unten.
Beim Duo sitzt es an der Seite. Senkrecht. Die Bedienelemente des Sperrbildschirms und die App-Navigation sind mitgewandert.
Der Grund ist logisch. Aufgeklappt ist das Duo fast quadratisch, und auf einem quadratischen Bildschirm wollt ihr den Platz von oben nach unten behalten. Und euer Daumen hält das Telefon wahrscheinlich sowieso an der Seite.
Die Statusleiste ist jetzt ein kleines rundes Element in der Ecke.
Ganz schön viel Umdenken für ein Dock. Aber im guten Sinn.
App-Layouts
Klappt ihr das Duo auf, seht ihr zwei Home-Bildschirmseiten gleichzeitig. Nicht gespiegelt. Aber sinnvoll erweitert.
Und zum ersten Mal auf einem iPhone gibt es Split View. Zwei Apps nebeneinander. Zwei Safari-Fenster. App-Paare, die ihr speichert und später zusammen öffnet. Für Android nichts Neues. Für iOS sehr schön.
Auch die Tastatur passt sich an. Liegt das Duo flach, sitzt sie in der unteren Hälfte. Halb zugeklappt wird sie zur geteilten Tastatur. Ganz geöffnet ist sie breit und groß.
Stellt ihr das Telefon in V-Form ab, startet StandBy, auch ohne Ladekabel. Die Details!
Kamera
Samsung hatte beim Fold ein paar Generationen lang eine Selfie-Kamera unter dem Display. Das Fold 8 hat wieder ein Loch im inneren Bildschirm, und Android Authority nennt die Platzierung ein Problem.
Apple hat die FaceTime-Kamera unter das innere Display gelegt. Laut Apple bleibt sie versteckt, bis ihr sie braucht.
Und wenn ihr sie braucht, bekommt sie ihre eigene kleine Animation.
Auch das Außendisplay macht mit. Richtet ihr die Rückkameras auf jemanden, sieht die Person auf der Außenseite eine Live-Vorschau von sich selbst. Apple nennt das Duo Preview. Für Kinder gibt es Kid Cue, das auf dem Außendisplay Peanuts-Animationen abspielt, damit sie in die Kamera schauen.
Snoopy auf der Rückseite eures Telefons. Damit euer Kind hochschaut.
Der Nachteil: Die Selfie-Kamera ist nicht besonders gut.
Kleinkram
Mehr davon:
- Das Scharnier hat mehr als 100 Bauteile, die Abdeckung ist 3D-gedrucktes Titan mit mikrogestrahlter Oberfläche. Schöne Details, und die Falz ist so gut wie unsichtbar.
- Magnete halten es geschlossen. Aber nicht zu fest, damit es problemlos halb offen oder halb geschlossen stehen bleibt (je nachdem, ob euer Glas halb voll oder halb leer ist).
- Touch ID sitzt im Seitenknopf, entsperren funktioniert also gleich, ob das Telefon auf- oder zugeklappt ist. Face ID gibt es nicht. Damit kann ich leben.
- Das Audio-Tuning passt sich an, während sich beim Falten der Abstand zwischen den Lautsprechern ändert. Die Platzierung macht beim Klang viel aus. Und so passt es in fast jedem Winkel.
Lauter kleine Details. Zusammen lassen sie das Duo hochwertiger wirken. Und wie mit viel Liebe gemacht. So macht Apple das.
Nachteile, natürlich
Bei 1.999 Dollar geht es los, bei uns bei 2.299 Euro. Das Folio-Case mit Ständer kostet in den USA noch einmal 129 Dollar. Das Fold 8 gab es dagegen schon 250 Dollar günstiger. Beim Preis gewinnt Apple also nichts.
Die Falz ist noch da. Meistens unsichtbar, aber da. MacRumors konnte sie bei bestimmtem Licht sehen, auch wenn Apple sie besser versteckt als Samsung oder Google. Oppo kommt am nächsten ran. Auch der Kamerabereich unter dem Display ist auf dunklen Bildschirmen etwas zu sehen.
Split View ist einfach gehalten. Jede App bekommt die Hälfte des Bildschirms. Soweit ich weiß. Samsungs Fold 8 zeigt drei Apps gleichzeitig.
Apps, die noch nicht fürs Duo angepasst sind, sitzen in einem Kasten auf schwarzem Hintergrund. Noch. Das sollte sich mit der Zeit erledigen.
Touch ID statt Face ID, wie schon im April gemunkelt. Und zwei Rückkameras, kein eigenes Teleobjektiv.
Außerdem hatte ich noch keins in der Hand. Alles hier stammt aus der Keynote, von Apples eigenen Seiten und aus den ersten Hands-ons.
Unterm Strich
Ich hatte noch keins in der Hand… Merkt euch das. Denn der Punkt ist: Ich WILL eins in der Hand halten. Und genau das wollte Apple erreichen. Vor der Keynote war ich sicher, dass mich dieses Apple-Foldable nicht interessieren würde. Jetzt will ich eins in der Hand halten.
Apple hat erreicht, was es wollte. Und ich wette, die Verkaufszahlen zeigen das.
Im April habe ich geschrieben, es werde eben ein iPhone, das sich falten lässt. Wie die von Samsung oder Google. Und dass das vielleicht reicht. Es ist aber mehr...
Es ist ein iPhone, das sich falten lässt. Mit all den kleinen Details, die es hochwertiger wirken lassen. Und die mehr Spaß machen.
Sieht so aus, als hätte Apple diese Jahre in den Kleinkram gesteckt. Das macht einen großen Unterschied.
Das können sie.
Zuerst auf Englisch erschienen: Medium