Auf YouTube laufen gerade jede Menge Videos mit Titeln wie „Europe DUMPS Visa and Mastercard“. In Großbuchstaben. Eins legt noch nach: „5 Giants FORMALLY UNITE, US Kill Switch DEAD“.

Im Mai habe ich über Wero geschrieben und darüber, dass Europa sich von Visa und Mastercard löst. Ein großer Schritt.

Schauen wir also, was sich seitdem getan hat. Und was nicht.

European Network for Payments

Am 30. September haben fünf europäische Bezahlsysteme eine gemeinsame Firma gegründet: Wero, Bizum aus Spanien, Bancomat aus Italien, MB Way aus Portugal und Vipps MobilePay aus den nordischen Ländern. Sie heißt European Network for Payments, sitzt in Madrid, und alle fünf halten gleich große Anteile.

Zusammen erreichen sie rund 130 Millionen Nutzer in 13 Ländern. Das sind über 70 Prozent der Bevölkerung von EU und Norwegen.

Daher kommen die „fünf Giganten“ aus den Videotiteln.

Die neue Firma soll einen Hub betreiben, also eine gemeinsame Schnittstelle, die die fünf Apps verbindet. In der ersten Phase geht es um Geld zwischen Personen über Ländergrenzen hinweg. Eine Bizum-Nutzerin aus Spanien schickt einem Wero-Nutzer in Deutschland Geld zurück, zum Beispiel. Onlineshops und Läden folgen in späteren Phasen. Termine dafür gibt es keine.

Und auch die erste Phase läuft noch nicht. Laut Pressemitteilung bereiten die Partner gerade die technische Umsetzung vor.

Im Mai sollte dieser Hub im ersten Halbjahr 2026 starten. Jetzt gibt es eine Firma, die ihn betreiben soll. Der Hub selbst kommt später.

Wero

Wero selbst wächst weiter. EPI spricht von 58 Millionen Nutzern. Im März hatte EPI-Chefin Martina Weimert gegenüber Reuters noch 52,5 Millionen genannt. Also grob eine Million neue Nutzer im Monat.

Über 48.000 Händler in Belgien, Frankreich, Deutschland, Luxemburg und den Niederlanden haben schon Wero-Zahlungen angenommen. In Deutschland könnt ihr online bei Lidl, dm, Decathlon und Eventim damit bezahlen.

Im Laden steht Wero noch ganz am Anfang. In Deutschland klappt es an ein paar Stellen, zum Beispiel an Ladesäulen für E-Autos. In Belgien bringt Payworld Wero auf seine Terminals: QR-Code scannen, bezahlen. Breiter an der Kasse in Frankreich und Deutschland soll es laut EPI ab 2027 schrittweise kommen.

Die Niederlande ziehen iDEAL bis 2027 in Wero um. Luxemburg macht das mit Payconiq noch in diesem Jahr.

Wero steckt seit letztem Jahr in meiner Banking-App. Damit an der Supermarktkasse in Deutschland zahlen… das ist ab 2027 geplant.

Visa und Mastercard

Piero Cipollone aus dem EZB-Direktorium hat es im Februar in einer Rede so gesagt:

Internationale Kartensysteme stehen für zwei Drittel der Kartenzahlungen im Euroraum.

Und 13 von 21 Euro-Ländern haben nicht einmal ein eigenes nationales Kartensystem. Mit Karte zahlen heißt dort im Grunde: Visa oder Mastercard.

Daran ändern die Nachrichten oben heute nichts. Eure Visa- oder Mastercard funktioniert überall da, wo sie im Mai funktioniert hat.

Wero läuft daneben.

Digitaler Euro

Die zweite Spur ist öffentliches Geld: der digitale Euro, ausgegeben von der EZB.

Im Juli hat das Europaparlament mit 416 zu 169 Stimmen beschlossen, über das Gesetz zu verhandeln. Jetzt müssen sich Parlament, Rat und Kommission auf den endgültigen Text einigen. Ziel ist, damit bis Ende 2026 fertig zu sein.

Ausgeben will die EZB den digitalen Euro 2029.

Das ist Weimert zu langsam. Im selben Reuters-Interview warnte sie, dass die USA Europas Zugang zu ihrer Zahlungsinfrastruktur sehr schnell einschränken könnten. Und genau diese Sorge hilft Wero, sagt sie.

Verständlich.

Ein Haken ist immer dabei

Der „Kill Switch“ aus den Videos ist nicht tot. Solange zwei Drittel der Kartenzahlungen über internationale Systeme laufen, hängt Europa an ihnen. Ein Hub, über den ihr Freunden Geld schickt, ändert daran nichts.

Und Zahlungen zwischen Personen sind das kleine Stück. Dem Cousin in Lissabon das Abendessen zurückzahlen ist nett. Aber das meiste Kartenvolumen steckt in Läden und Online-Kassen, schätze ich.

Außerdem liegt fast jeder große Schritt 2027 oder später. Läden in Frankreich und Deutschland ab 2027. iDEAL bis 2027. Der digitale Euro 2029.

Bis dahin kann viel passieren. Regierungen wechseln. Prioritäten auch.

Unterm Strich

Lässt Europa also Visa und Mastercard fallen?

Dieses Jahr nicht. Nächstes Jahr wahrscheinlich auch nicht.

Die Karten bleiben noch eine Weile in unseren Portemonnaies. Wero kommt dazu, ein Land nach dem anderen.

Zuerst auf Englisch erschienen: Medium