Ziemlich viele Leute suchen bei Google nach „Bluesky vs Substack". Das hat mich überrascht. Auf den ersten Blick haben die beiden wenig miteinander zu tun.

Die Suchanfragen sind aber da, ich sehe sie in meiner Search Console. Und nach kurzem Nachdenken verstehe ich sie auch.

Substack ist längst nicht mehr nur eine Newsletter-Plattform. Notes, Videos, Livestreams, Podcasts. Das Ding wächst in ein soziales Netzwerk hinein und konkurriert damit um dasselbe textliebende Publikum, für das Bluesky gebaut wurde.

Beide versprechen Schreibenden dasselbe: ein Feed aus Text, ohne den Lärm von X, Instagram und Facebook, in dem ein Beitrag noch Leser findet.

Ganz dasselbe sind sie trotzdem nicht. Bluesky ist „nur" ein soziales Netzwerk. Substack ist eine Newsletter-Plattform mit angeschraubtem Feed. Der Vergleich heißt also genauer: Bluesky gegen Substack Notes.

Ich habe beides. Ich nutze beides wenig. Dazu später mehr.

Bluesky

Bluesky sieht aus wie das frühe Twitter, und genau das ist der Reiz. Twitter ohne den ganzen Mist.

Chronologische Feeds, eigene Feeds zum Selbstbauen, darunter ein offenes Protokoll. Nach der US-Wahl sind alle dorthin gerannt. Inzwischen knapp 46 Millionen registrierte Konten.

Registriert. Aktiv ist eine andere Zahl. Klein ist Bluesky damit nicht, und es ist der einzige ernstzunehmende Twitter-Rivale, der überhaupt Zahlen vorweisen kann. Außer eben Substack Notes.

Similarweb zählte im Juni allerdings rund 10 Millionen monatlich aktive Nutzer in der mobilen App, 27 Prozent weniger als ein Jahr zuvor, und im Juli etwa 3 Millionen täglich. Im Quartalsschnitt ging es von rund 22 Millionen Ende 2024 auf unter 11 Millionen runter. Ungefähr die Hälfte des Höchststands.

Die Gründerin ist im März als Chefin zurückgetreten, seitdem führt ein ehemaliger Automattic-Mann die Firma. Die App sei nur ein Teil des Plans, heißt es, das eigentliche Produkt sei das Protokoll. Mag stimmen. Für Schreibende, die Leser suchen, ist die App aber der Teil, der zählt.

Was für Bluesky spricht, und das ist ein dickes Argument: Links werden nicht bestraft. Bei X passiert genau das, Musk hat es selbst gesagt. Auf Bluesky läuft ein Beitrag mit Link auf euren Artikel wie jeder andere Beitrag. Verlage haben das früh gemerkt. Der Boston Globe berichtete Ende 2024 von dreimal so viel Traffic aus Bluesky wie aus Threads. Das war allerdings der Höhepunkt. Heute sind weniger Leute da, die klicken könnten.

Meine eigene Erfahrung: Ich habe eine Zeit lang automatisch nach Bluesky gepostet. Ich will es mögen. Große Hoffnung habe ich trotzdem nicht. Und ich stecke auch zu wenig Energie hinein, das gehört zur Wahrheit dazu.

Substack Notes

Notes gibt es seit April 2023. Ist noch gar nicht so lange her. Fühlt sich länger an.

Kurze Beiträge, Restacks, Antworten. Das Ganze lebt in der Substack-App und auf der Website, und jeder, dem ihr dort begegnet, hat bereits ein Substack-Konto. Das ist der eigentliche Trick.

Substacks Zahlen dazu sind groß. Mitgründer Hamish McKenzie schrieb im Herbst, die App habe in drei Monaten über 32 Millionen kostenlose Abos und knapp eine halbe Million bezahlte gebracht, und sei inzwischen die wichtigste Wachstumsquelle für Publisher. Größer als Empfehlungen. Notes ist ein guter Teil davon.

Meine wichtigste Quelle ist es trotzdem nicht mehr. Ich will mich nicht schwer auf soziale Feeds stützen. Mein größter Wachstumsfaktor ist die Suche, und SEO ist auf Substack völlig unterschätzt.

Früher war Notes groß für mich. 2025 war die App zeitweise meine beste Quelle für neue Abonnenten. Dann habe ich genauer hingesehen. Wer eine Note mag, ist nicht automatisch jemand, der eine E-Mail öffnet. Eher selten sogar. Eine Note bekommt ein paar hundert Likes, und der Artikel derselben Woche wird seltener gelesen als das. Meine Begeisterung ist danach abgekühlt.

Notes ist gut darin, mit den Lesern in Kontakt zu bleiben, die ihr schon habt. Weniger gut darin, neue zu finden. Bindung statt Entdeckung. Follower sind eben keine Abonnenten, und Abonnenten sind noch lange keine Leser.

Kleinigkeiten: klickbare Hashtags gibt es bewusst nicht. Geplantes Posten kam dieses Frühjahr dazu. Und der Feed liebt Notes über Substack selbst. Das fällt schnell auf. Dieselben Probleme, die die großen Netzwerke plagen, plagen also demnächst auch Notes. Oder schon jetzt.

Mastodon spielt hier eine größere Rolle

Im deutschsprachigen Raum fehlt in dem Vergleich ein Dritter, den man in den US-Debatten kaum findet. Mastodon.

Der Bundesdatenschutzbeauftragte betreibt seit 2020 eine eigene Instanz unter social.bund.de, offen für Behörden des Bundes. Dort sitzen inzwischen Ministerien, Bundesgerichte und der Bundestag. Das ist eine Verankerung, die Bluesky hierzulande so nicht hat, und sie hat einen sehr deutschen Grund: Datenschutz. Eine Behörde kann eine selbst betriebene Instanz rechtlich sauber begründen, einen US-Konzern-Feed deutlich schwerer.

Für Schreibende heißt das nicht automatisch, dass dort die Leser warten. Mastodon ist verstreut, die Reichweite eines einzelnen Beitrags meist klein, und Neulinge müssen sich erst für eine Instanz entscheiden. Als Ort für ein deutschsprachiges Fachpublikum ist es aber ernster zu nehmen, als der Blick nach Amerika vermuten lässt.

Umgekehrt gilt für Notes ein Vorbehalt, den ihr in den englischen Vergleichen nicht lest: Der Feed ist überwiegend englisch. Wer auf Deutsch schreibt, findet dort ein kleineres Publikum vor, als die 32 Millionen nahelegen.

Gleiches Format, verschiedene Aufgaben

Ein kurzer Beitrag ist ein kurzer Beitrag. Die beiden Feeds erledigen für Schreibende trotzdem verschiedene Jobs.

Bluesky bringt euren Link vor Leute, die von Substack noch nie gehört haben. Journalisten, Tech-Leute, ein politisches Publikum, so fühlt sich mein Feed jedenfalls an. Abonnent ist dort niemand. Leser werden sie, wenn der Link funktioniert.

Notes bringt euren Beitrag vor Leute, die ohnehin Newsletter lesen und einen Fingertipp vom Abo entfernt sind. Ein deutlich kürzerer Weg. Und eine deutlich kleinere Welt.

Bluesky schickt Leser von sich weg. Notes behält sie drin.

Was davon besser ist, hängt daran, was euch fehlt. Neue Leser? Bluesky, theoretisch. Aber eben nur theoretisch. Abonnenten aus Lesern, die ihr schon erreicht? Notes. Das eher.

Die Haken

Beide Feeds sind kurzlebig. Ein Beitrag hält einen Tag, oft weniger. Hört ihr eine Woche auf, fangt ihr wieder bei null an. So funktionieren diese Feeds, und deshalb hält das Wachstum nur, solange ihr sie füttert.

Bluesky schrumpft gerade. Das ist der größte Haken. Vielleicht stabilisiert sich das, vielleicht nicht. Einen großen Teil meiner Zeit auf ein Netzwerk zu setzen, das die Hälfte seiner aktiven Nutzer verloren hat, macht mich nervös. Verdienen lässt sich dort ohnehin nichts, es ist ein Link nach draußen, mehr nicht. Und so ungern ich es schreibe: Wer wirklich eine große Gefolgschaft aufbauen will, ist bei X immer noch besser aufgehoben.

Notes ist ein geschlossener Kreis. Nur Substack-Nutzer sehen es, vorerst, und Substack entscheidet mit, was gezeigt wird. Follower sind keine Abonnenten, und Substack zählt sie aus gutem Grund getrennt. Der Feed ist darauf gebaut, dass ihr weiterscrollt, wie jeder andere auch. Ich ertappe mich selbst dabei.

Vor allem soll Notes euch in der Substack-App halten. Substack will nicht, dass ihr eure Newsletter im Mail-Programm lest, sondern in der App. Und ich rechne damit, dass sie die offene E-Mail-Liste, mit der ihr eure Abonnenten mitnehmen könnt, irgendwann dichtmachen. Medium hat genau das vor einiger Zeit getan, und der Export gibt einem dort heute alles zurück, außer den Lesern. Dann sitzt ihr in Substack fest. Wie wenig der Export-Knopf allein euch rettet, habe ich mir an anderer Stelle genauer angesehen.

Und beide, Bluesky wie Notes, nehmen Zeit von der Sache weg, die weiterarbeitet, während ihr schlaft: dem Artikel selbst. Suchtraffic kommt ein Jahr später noch. Eine Note nicht.

Unterm Strich

Wer einen Newsletter schreibt, nimmt Notes zuerst. Logisch. Dasselbe Publikum, ein Fingertipp bis zum Abo, und dort hängen die Leute herum, die Text mögen.

Bluesky taugt als Zweitkanal, falls ihr die Zeit investieren wollt. Postet eure Links dorthin, es kostet wenig und Links sind willkommen. Erwartet nur nicht zu viel.

Wer auf Deutsch schreibt und ein Fachpublikum sucht, sollte sich Mastodon zusätzlich ansehen. Nicht wegen der Reichweite, sondern wegen der Leute, die dort sitzen.

Und ich? Ich veröffentliche einen Artikel, schreibe eine Note dazu, früher ging automatisch ein Beitrag nach Bluesky raus, und dann gehe ich zurück ans Schreiben. Kurze Beiträge sind einfach nicht meine Disziplin. Soziale Netzwerke im Grunde auch nicht. Bei euch mag das anders sein. Dann ist Notes vorerst die bessere Wahl, würde ich sagen.

Zuerst auf Englisch erschienen: Medium